Nicht die Baumart entscheidet – sondern das Waldökosystem und sein Boden. Warum die Debatte über die Zukunft unserer Wälder mehr Differenzierung braucht

Ich habe den aktuellen Beitrag von Marie Hoffmann zur EU-Naturwiederherstellungsverordnung gesehen. Dass sie sich für klimaresiliente Mischwälder einsetzt und darauf hinweist, dass wir unsere Wälder an das Klima von morgen anpassen müssen, teile ich ausdrücklich. Die Erfahrungen mit Fichtenreinbeständen zeigen deutlich, dass wir umdenken müssen.

Gerade deshalb finde ich es schade, wenn eine so wichtige Debatte sehr zugespitzt geführt wird. Die Verordnung schreibt weder pauschal Buchenwälder vor, noch verbietet sie Douglasie, Esskastanie oder andere geeignete Baumarten. Diese Darstellung greift zu kurz und vermischt mögliche Folgen einer späteren Umsetzung mit dem eigentlichen Inhalt der Verordnung.

Mein Eindruck ist, dass die Debatte häufig am eigentlichen Kern vorbeigeht. Wir diskutieren vor allem über Baumarten (des Förster’s Blick geht nach oben) – dabei entscheidet sich die Zukunft unserer Wälder vor allem im und mit dem Boden (mein Blick geht nach unten). Denn die Klimaresilienz eines Waldes entsteht nicht allein durch die Wahl der richtigen Baumarten, sondern vor allem durch lebendige Böden mit hohem Humusgehalt, einem aktiven Bodenleben und einer guten Wasserspeicherfähigkeit. Das ist die eigentliche Versicherung gegen Dürre.

Deshalb sollten wir vor allen Dingen fragen, welche Baumarten das Bodenleben fördern. Pilze, Bakterien und Regenwürmer sind die eigentlichen Architekten widerstandsfähiger Waldböden. Baumarten mit gut zersetzbarer Laubstreu und hoher biologischer Aktivität – beispielsweise viele Edellaubhölzer – leisten hier oft einen besonders wertvollen Beitrag. Nadelbäume oder auch Buche und Eiche können selbstverständlich Teil zukunftsfähiger Mischwälder sein. Entscheidend ist aber das Gesamtsystem und nicht die Dominanz einer einzelnen Baumart.

Nicht nur die Baumarten entscheiden über die Zukunft unserer Wälder, sondern ebenso ihre Struktur. Ein mehrschichtiger, dauerhaft beschatteter Wald schafft ein kühles, feuchtes Waldinnenklima, schützt Bodenleben und Humus und stabilisiert damit den gesamten Wasserhaushalt. Wirtschaftlich mag der Altersklassenwald kurzfristig oft einfacher erscheinen – ökologisch ist der strukturreiche Dauerwald dem Klimawandel jedoch deutlich besser gewachsen.

Aus meiner Sicht lautet die Zukunftsfrage deshalb nicht: „Welche Baumarten waren vor 200 Jahren hier heimisch?“ Sondern: *Welche Waldökosysteme können unter den Bedingungen von 2050 oder 2080 dauerhaft Wasser speichern, Humus aufbauen, die Landschaft kühlen, Biodiversität fördern und gleichzeitig nachhaltig Holz liefern?*

Ich wünsche mir deshalb weniger Polemik und mehr fachliche Diskussion. Nicht historische Baumartenlisten werden unsere Wälder retten, sondern ein besseres Verständnis der ökologischen Prozesse – insbesondere der Wechselwirkungen zwischen Boden, Wasser, Mikroorganismen und Vegetation. Denn dort entscheidet sich letztlich, ob unsere Wälder auch in Zukunft gesund und widerstandsfähig bleiben.

PS: Heimische Baumarten sind deutlich vielfältiger als nur Buche und Eiche. Dazu gehören beispielsweise Winter- und Sommerlinde, Berg-, Spitz- und Feldahorn, Hainbuche, Vogelkirsche, Elsbeere, Speierling, Weißtanne, Eibe, Birke, Erle oder Aspe. Viele dieser Baumarten fördern durch ihre nährstoffreiche und gut zersetzbare Streu ein aktives Bodenleben sowie den Aufbau stabiler Humusformen. Buche, Eiche sowie viele Nadelbaumarten – darunter Fichte und Douglasie – bilden dagegen eher schwer zersetzbare Streu mit höheren Gehalten an Gerb- und anderen Hemmstoffen. Sie tragen meist weniger stark zur biologischen Aktivität und zum Humusaufbau bei. Gerade deshalb sind vielfältige Mischwälder mit unterschiedlichen ökologischen Funktionen aus meiner Sicht der Schlüssel für zukunftsfähige Wälder.

PPS: Abschlussbericht über das 1. Aufbauende Waldsymposium 

Beitrag von Marie Hoffmann: https://www.linkedin.com/posts/marie-hoffmann-84aa85203_wald-forstwirtschaft-klimawandel-ugcPost-7458548008704434176-wQ3h/
Positionspapier der IG Gesunder Boden zum Wald: https://aufbauende-landwirtschaft.de/wp-content/uploads/2026/07/Positionspapier_Gesunder_Wald_IGB_202404.pdf
Abschlussbericht über das 1. Aufbauende Waldsymposium: https://aufbauende-landwirtschaft.de/aufbauende-waldwirtschaft-wie-koennen-waelder-im-klimawandel-resilient-und-produktiv-werden/

4 comments

Detlef Roßmann

Aus Gründen des Artenschutzes wie auch des Erhalts kulturhistorisch bedeutsamer Waldnutzung sollten bei dem Fokus auf geschlossene Mischwälder mit mehrschichtigem Aufbau die traditionellen Nieder- und Mittelwälder nicht ausgeschlossen werden.

Eine Meinung zu M. Hoffmann:
Tobias Wohlleben:

„Wundervoll dass hier mit falschen Aussagen Lobbyarbeit betrieben wird.Ich finde es immer wieder faszinierend, dass indirekt unsere Vorfahren als dumm bezeichnet werden.Denn niemand der nach dem Krieg eine Fichte gepflanzt hat, war so naiv zu glauben, dass diese für den Wiederaufbau benötigt wird. Bei Umtriebszeiten von 80 Jahren wäre das auf jeden Fall eine sehr lange Zeit zwischen den Trümmern. Große Borkenkäferplagen sind übriegens nichts neues. Die gab es (dokumentiert) schon im 15. und 18. Jahrhundert. Das Wissen war also da.Und ein weitere Fakt zur „klimastabilen“ Baumart Douglasie. Sie ist nach aktueller Forschung vom forstwirtschaftsnahen THÜNEN-Instituts die zweithäufigste absterbende Baumart nach der Fichte.“

Zu Marie Hoffmann auf LinkeIn (https://www.linkedin.com/posts/marie-hoffmann-84aa85203_wald-forstwirtschaft-klimawandel-ugcPost-7458548008704434176-wQ3h/): „Ist das nicht rein egoistisch und neoliberal gedacht und zudem sehr undemokratisch? Das mündet dann in die Bekämpfung jeder staatlichen „Vorschrift“ als angebliche Willkür und Dummheit. Ganz im Sinne der Privatisierung der Grundversorgung, der Zerschlagung der „Allmende“. Auf jeden Fall eine Politik für die Reichen, gegen die Armen. Grundsätzlich wird verkannt, dass wir ein Vollzugsdefizit aus Art. 20a GG beklagen müssen. Die Ökologiepflichtigkeit des Waldeigentums hätte schon lange in Umweltgesetzen verankert werden müssen, erst recht nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Wald aus 1990. Dazu brauchen wir jetzt rasch ökologisch ausgerichtete Waldgesetze auf Bundes- und Landesebene. In NRW könnte das jetzt aktuell mit einem neuen Landeswaldgesetz – statt mit einem reinen “Forstgesetz”- umgesetzt werden. Darin sollte unbedingt das überragende öffentliche Interesse an der Sicherung der Kreisläufe der Natur verankert sein mit besonderer Berücksichtigung einer neu zu definierenden “guten fachlichen Praxis” zur Erhaltung intakter Wald-Ökosysteme!“

Wir brauchen jetzt für den Schutz der Wälder in Deutschland das ökologisch ausgerichtete Waldgesetz auf Bundesebene und dann auch in allen Bundesländern!

Siehe dazu: Bundesbürgerinitiative Waldschutz ( BBIWS: https://www.bundesbuergerinitiative-waldschutz.de/ und: https://www.facebook.com/groups/1077418446980066 )

und die Vorschläge für ein neues Bundeswaldgesetz: https://www.bundesbuergerinitiative-waldschutz.de/2023/12/05/endlich-ein-neues-bundeswaldgesetz/

sowie die zentral notwendige Neudefinition der „guten fachlichen Praxis“ im Wald:

https://www.bundesbuergerinitiative-waldschutz.de/2024/02/06/die-gute-fachliche-praxis-der-forstwirtschaft-im-neuen-bundeswaldgesetz/

Dazu gehört die Abkehr von der umwelt- und gesundheitsschädlichen Holzverbrennung:

https://www.bundesbuergerinitiative-waldschutz.de/2023/12/29/brennholz-aus-den-wald%C3%B6kosystemen/

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