Lange dominierte die Vorstellung, dass Mitteleuropa unter natürlichen Bedingungen überwiegend von geschlossenen Wäldern geprägt gewesen wäre. Neuere paläoökologische Forschungen zeichnen jedoch ein differenzierteres Bild. Große Pflanzenfresser wie Auerochsen, Wisente, Wildpferde, Elche und Rothirsche – in früheren Warmzeiten auch Elefanten und Nashörner – beeinflussten durch Verbiss, Tritt, Schälen, Dung und Samenverbreitung Vegetation und Böden und hielten Teile der Landschaft offen.
Den Anstoß zu dieser Diskussion gab Frans Vera mit seiner Megaherbivoren-Hypothese (2000). Seine starke These einer überwiegend parkartigen Landschaft blieb umstritten. Neuere Studien stützen jedoch zunehmend die Vorstellung, dass Europas Landschaften wesentlich heterogener und offener waren als lange angenommen.
Mottl et al. (2025) rekonstruierten für die letzte Warmzeit vor rund 129.000 bis 116.000 Jahren im Mittel etwa 63 % Lichtwald, 21 % geschlossenen Wald und 17 % Offenland. Noch weiter zurück blickt die Übersichtsarbeit von Buitenwerf, Pearce & Svenning (2026): Auf Grundlage paläoökologischer Befunde aus 23 Millionen Jahren kommen die Autoren zu dem Schluss, dass Wald-Grasland-Mosaike mit lichten und offenen Bereichen lange charakteristisch für Europas gemäßigte Zone waren und wesentlich durch große Pflanzenfresser mitgestaltet wurden.
Viele dieser Großtiere verschwanden im späten Pleistozän. Sandom et al. (2014) fanden starke Hinweise darauf, dass dabei der Mensch eine entscheidende Rolle spielte, während Klimaveränderungen regional ebenfalls von Bedeutung waren. Mit dem Verlust der Megafauna nahm auch ein wichtiger Faktor ab, der die Landschaft offen hielt – und der Wald konnte sich stärker ausbreiten. Die weitgehend bewaldeten Landschaften des frühen Holozäns könnten daher bereits ein megafaunaverarmtes Ökosystem repräsentieren.
Dass große Pflanzenfresser solche Prozesse auch heute auslösen können, zeigen Søndergaard et al. (2025): Ganzjährige extensive Beweidung fördert krautreiche, strukturreiche Pflanzengesellschaften und erhöht die Pflanzenvielfalt.
Die Forschung zeichnet damit zunehmend ein neues Bild der europäischen Urlandschaft: kein endloser geschlossener Wald, sondern ein dynamisches Mosaik aus Wald, Lichtwald, Gebüsch und Offenland. Über deren genaue Anteile wird weiterhin diskutiert. Die Bedeutung großer Pflanzenfresser als Landschaftsgestalter wird dagegen durch immer mehr Befunde gestützt.
Literatur:
Buitenwerf, R., Pearce, E. A. & Svenning, J.-C. (2026). Revisiting Europe’s temperate forests: Palaeoecological evidence for an herbivory-driven woodland-grassland mosaic biome.
Mottl, O. et al. (2025). Beyond the closed-forest paradigm: Cross-scale vegetation structure in temperate Europe before the late-Quaternary megafauna extinctions.
Sandom, C. J. et al. (2014). Global late Quaternary megafauna extinctions linked to humans, not climate change.
Søndergaard, S. A. et al. (2025). From Grasslands to Forblands: Year-round grazing as a driver of plant diversity.
Vera, F. W. M. (2000). Grazing Ecology and Forest History.

Sehr interessant, würde aber Sinn ergeben. Vielen Dank für den Beitrag 🙏
Warum sind auf der Bilddarstellung keine Mammuts zu sehen? Sie kamen doch bis zur letzten Eiszeit auch in Europa vor.