Antibiotikaresistenzen gelten als eine der großen gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit. Eine neue Studie in Nature Communications zeigt nun eindrücklich, dass das Problem keineswegs auf Krankenhäuser und Tierställe beschränkt bleibt. Resistenzgene aus der Nutztierhaltung finden sich auch im Mikrobiom wildlebender Tiere wieder.
Die Forschenden untersuchten 875 wildlebende Hausmäuse auf rund 240 landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland. In ihrem Darm fanden sie insgesamt 340 verschiedene Antibiotika-Resistenzgene (ARG). Besonders überraschend war der Vergleich mit Rindern, Schweinen und Geflügel: Rund 50 Prozent der bei den Mäusen gefundenen Resistenzgene kamen auch in der Gülle bzw. im Kot von Nutztieren vor. Die Ähnlichkeit war insbesondere mit Schweinen und Rindern ausgeprägt.
„Wir haben eine gewisse Überschneidung erwartet, aber dass rund 50 Prozent der Resistenzgene aus den Kühen, Schweinen und Hühnern auch in unseren wildlebenden Mäusen wiederzufinden war, hat uns überrascht“, wird Studienautor Víctor Hugo Jarquín-Díaz in der Pressemitteilung zitiert.
Wie gelangen die Resistenzgene in die Mäuse?
Ein plausibler Weg führt über die Ausscheidungen der Nutztiere. Durch den Einsatz von Antibiotika werden im Darm der Tiere resistente Bakterien selektiert. Mit Kot und Gülle gelangen diese Bakterien – zusammen mit Resistenzgenen und teilweise Antibiotikarückständen – in die Umwelt. Von dort können sie über Boden, Wasser, Staub oder Nahrung von anderen Tieren aufgenommen werden.
Noch bemerkenswerter: Es müssen nicht einmal dieselben Bakterien sein, die vom Schwein bis in die Maus gelangen. Viele Resistenzgene sitzen auf mobilen genetischen Elementen wie Plasmiden und können zwischen unterschiedlichen Bakterien ausgetauscht werden. Nicht nur Bakterien bewegen sich also durch die Landschaft – auch ihre Gene tun es.
Wie stark dieser Prozess durch die Landwirtschaft geprägt wird, zeigt ein weiteres Ergebnis: Landschaft, Klima und landwirtschaftliche Faktoren erklärten 27 Prozent der Unterschiede im Vorkommen der Resistenzgene. Betrachteten die Forschenden nur die potenziell mobilen Resistenzgene, stieg dieser Anteil auf 41 Prozent. Besonders deutlich war der Zusammenhang mit der Intensität der Schweinehaltung und bestimmten Resistenzgenen gegen unter anderem Tetracycline und Sulfonamide.
Eine Landschaft ist auch ein mikrobielles Netzwerk
Die Studie macht damit etwas sichtbar, das wir häufig übersehen: Ein landwirtschaftlicher Betrieb endet ökologisch nicht am Hoftor. Nutztiere, Gülle, Böden, Gewässer, Pflanzen, Wildtiere und letztlich auch wir Menschen sind über Stoffströme und Mikroorganismen miteinander verbunden.
Die Mäuse sind dabei weniger das eigentliche Problem als vielmehr Bioindikatoren für diese unsichtbaren Verbindungen. Die Autoren betonen ausdrücklich, dass sie keine besonders gefährlichen Überträger für den Menschen darstellen. Vielmehr zeigt ihr Mikrobiom, wie weit der Einfluss unserer Bewirtschaftung in die umgebenden Ökosysteme hineinreichen kann.
Das ist One Health in seiner unmittelbarsten Form: Die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt lässt sich nicht getrennt betrachten. Was wir im Stall tun, kann sich über mikrobielle Netzwerke durch die Landschaft bewegen – bis hinein in den Darm eines kleinen Wildtiers.
