Heute Morgen stand ich an unserem kleinen Bach – und war erschrocken. Ich hätte mir lange nicht vorstellen können, dass dieser Bach einmal austrocknen könnte. Sein Einzugsgebiet ist zwar klein, aber solange ich ihn kenne, führte er Wasser. Nach den außergewöhnlich trockenen vergangenen Monaten sind nun ganze Abschnitte trockengefallen.
Doch an manchen Stellen sieht es anders aus: Dort hat der Biber kleine Dämme gebaut. Hinter ihnen steht noch Wasser. Was bislang vielleicht wie eine nette ökologische Besonderheit erschien, bekommt angesichts zunehmender Dürren eine ganz andere Bedeutung. Für Fische, Amphibien, Libellenlarven und viele andere Wasserorganismen können diese Bereiche zu Überlebensinseln werden. Während das frei fließende Gewässer bereits trockenfällt, bleiben hinter den Dämmen Rückzugsräume erhalten.
Doch der Biber hält nicht nur sichtbar Wasser zurück. Er verändert den Wasserhaushalt des gesamten Bachabschnitts: Das Wasser fließt langsamer ab, breitet sich seitlich aus und hat mehr Zeit, in Bachbett und Ufer zu versickern. Der oberflächennahe Grundwasserspiegel kann steigen, angrenzende Böden bleiben länger feucht. Eine globale Auswertung von 267 wissenschaftlichen Studien zeigt, wie deutlich dieser Effekt ist: Von 44 Untersuchungen zum Wasserrückhalt fanden 42 eine Zunahme der Wasserspeicherung durch Biberaktivität.
Das eigentlich Spannende daran: Der Biber macht ziemlich genau das Gegenteil von dem, was wir Menschen über Generationen getan haben. Wir haben Bäche begradigt und eingetieft, Feuchtgebiete trockengelegt, Flächen drainiert und Gräben gezogen – mit dem Ziel, Wasser möglichst schnell aus der Landschaft abzuleiten. Der Biber bremst das Wasser. Er hält es zurück. Er hebt Wasserstände an. Er verbindet Bach und Aue wieder miteinander.
Und genau diese Funktionen werden in einer zunehmend von Dürre, Hitze und Starkregen geprägten Landschaft immer wertvoller. Dabei geht es nicht nur um Wasserrückhalt. Biber schaffen ein Mosaik aus Teichen, Feuchtflächen, Flachwasser, Totholz und fließenden Bereichen. Sedimente werden zurückgehalten, Nährstoffe umgesetzt und Abflussspitzen können gedämpft werden. Der Biber ist damit ein regelrechter Landschaftswasserbauer.
Für die Landwirtschaft entsteht allerdings ein Zielkonflikt. Ein höherer Wasserstand kann Drainagen beeinträchtigen, Wiesen vernässen und Äcker schlechter befahrbar machen. Was für die Landschaft ein Gewinn ist, kann für den einzelnen Betrieb einen realen wirtschaftlichen Schaden bedeuten. Deshalb dürfen wir die gesellschaftlich erwünschten Leistungen des Bibers nicht auf Kosten einzelner Landwirte bekommen. Wenn Flächen weniger nutzbar werden, während die Allgemeinheit von Wasserrückhalt, Hochwasserschutz, Kühlung und Biodiversität profitiert, müssen Nutzungsverzicht und Schäden angemessen ausgeglichen werden. Dazu gehören Gewässer- und Auenkorridore, Flächenankauf oder -tausch und unbürokratische Entschädigungen – ebenso wie pragmatisches Bibermanagement dort, wo Gebäude oder Infrastruktur gefährdet sind.
Natürlich löst der Biber unser Wasserproblem nicht. Seine Dämme können auch Nachteile haben, etwa Wanderungen bestimmter Fischarten erschweren oder Flächen unerwünscht vernässen. Doch die Rahmenbedingungen verändern sich. Solange Wasser im Überfluss vorhanden war, konnte ein vernässter Hektar vor allem als Schaden erscheinen. Wenn aber selbst Bäche, die bislang ganzjährig Wasser führten, trockenfallen, bekommt derselbe Hektar Feuchtgebiet einen anderen Wert: als Wasserspeicher, Dürrepuffer, Lebensraum, Rückzugsgebiet und Kühlungsraum.
Mein Blick heute Morgen in das trockene Bachbett und auf die wassergefüllten Bereiche hinter den Biberdämmen hat mir das sehr unmittelbar vor Augen geführt. Während wir noch darüber diskutieren, wie wir Wasser künftig länger in unseren Landschaften halten können, ist der Biber längst dabei, genau das zu tun.
