wurzelexsudate

Warum Vielfalt auf dem Acker auch Vielfalt im Boden schafft

Warum Vielfalt auf dem Acker auch Vielfalt im Boden schafft

Pflanzen ernähren das Bodenleben – mit einem erstaunlich vielfältigen Wurzel-Cocktail

Böden sind keine leblosen Substrate. Sie sind hochkomplexe Ökosysteme mit Milliarden von Mikroorganismen pro Gramm Boden. Eine zentrale Rolle dabei spielen die Pflanzen selbst: Über ihre Wurzeln geben sie ständig Substanzen an den Boden ab – die sogenannten Wurzelexsudate.

Erstaunlich ist dabei die Menge: 10–40 % der durch Photosynthese gebildeten Kohlenstoffverbindungen können von Pflanzen aktiv in den Boden abgegeben werden. Diese Stoffe dienen dazu, Mikroorganismen zu ernähren, bestimmte Mikroben gezielt anzulocken, Nährstoffe im Boden verfügbar zu machen, Krankheitserreger zu unterdrücken und wichtige Symbiosen – etwa mit Mykorrhiza-Pilzen oder Knöllchenbakterien – zu steuern.

Ein komplexer chemischer Cocktail

Dieser „Cocktail“ aus Wurzelexsudaten besteht aus vielen verschiedenen Stoffgruppen.

Zu den wichtigsten gehören Zucker, etwa Glucose, Fructose oder Saccharose. Sie liefern vielen Bodenbakterien schnelle Energie. Hinzu kommen Aminosäuren wie Glycin, Alanin oder Glutaminsäure, die Mikroorganismen als organische Stickstoffquelle dienen.

Eine weitere wichtige Gruppe sind organische Säuren, beispielsweise Zitronensäure, Oxalsäure, Apfelsäure oder Milchsäure. Sie können Mineralstoffe aus dem Boden lösen, den pH-Wert im unmittelbaren Wurzelbereich verändern und dadurch bestimmte Mikroorganismen fördern.

Darüber hinaus geben Pflanzen eine Vielzahl sekundärer Pflanzenstoffe ab, darunter Phenole, Flavonoide, Terpene oder Alkaloide. Diese wirken häufig als Signalmoleküle, antibakterielle oder antifungale Substanzen oder als Lockstoffe für Symbionten. Ein bekanntes Beispiel sind Leguminosen: Sie geben Flavonoide ab, die Rhizobien aktivieren und damit die Stickstofffixierung ermöglichen.

Auch Schleimstoffe und Polysaccharide gehören zu den Wurzelexsudaten. Sie fördern die Bildung stabiler Bodenaggregate, unterstützen die Besiedlung durch Mikroorganismen und ermöglichen die Bildung mikrobieller Biofilme.

Jede Pflanzenart hat ihr eigenes „Rezept“

Die Zusammensetzung dieser Wurzelexsudate unterscheidet sich stark zwischen verschiedenen Pflanzenarten. Unterschiede gibt es sowohl in der chemischen Zusammensetzung als auch in der Menge der abgegebenen Stoffe und im zeitlichen Muster der Abgabe.

Leguminosen produzieren beispielsweise viele Flavonoide und fördern dadurch Rhizobien.
Gräser geben besonders viele Zucker ab und unterstützen häufig bakterienreiche Bodenmilieus.
Kreuzblütler produzieren unter anderem Senföle (Glucosinolate), die teilweise antimikrobiell wirken können.
Bäume wiederum setzen viele phenolische Verbindungen frei und fördern dadurch oft eine stärkere Pilzdominanz im Boden.

Warum Pflanzenvielfalt für den Boden so wichtig ist

Wenn auf einem Acker nur eine einzige Pflanzenart wächst, gelangt auch nur ein relativ einseitiger Mix an Wurzelexsudaten in den Boden. Das Bodenleben erhält gewissermaßen immer die gleiche „Mahlzeit“. Eine vielfältige Vegetation dagegen bringt eine große Bandbreite an Zuckern, organischen Säuren und sekundären Pflanzenstoffen in den Boden ein. Dadurch entstehen komplexe mikrobielle Netzwerke mit hoher funktioneller Vielfalt – eine wichtige Grundlage für stabile, fruchtbare Böden.

Daher spricht man in der Wissenschaft von „plant-specific microbiomes“ oder auch von „rhizosphere engineering“– also davon, dass Pflanzen aktiv ihr Bodenmikrobiom gestalten. Die Vielfalt der Pflanzen über der Erde ist deshalb auch die Grundlage für die Vielfalt des Lebens unter der Erde.

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Weidemanagement: Der „Nimm-die-Hälfte, lass-die-Hälfte“-Trugschluss und die Bedeutung der Kräuter

Weidemanagement: Der „Nimm-die-Hälfte, lass-die-Hälfte“-Trugschluss und die Bedeutung der Kräuter

Spannender Artikel bei regenerativ.ch zum Thema Humusaufbau durch Holistisches Weidemanagement/Mobgrazing. Hier auch im Original von John Kempf.

Bei einer Graspflanze kurz vor der Blüte werden rund 40 % der Zuckerenergie für den Aufbau oberirdischer vegetativer Biomasse verwendet und etwa 10 % für die Reproduktion (siehe Tabelle unten). Bei den Bodensenken geht etwa 45% der gesamten Zuckerenergie in die Wurzelbiomasse und etwa 5% wird für Wurzelausscheidungen verwendet.

Auffällig ist also, dass Gräser den Grossteil ihrer erzeugten Kohlenhydrate in den Wurzeln speichern und kaum Exsudate abgeben – was ihr ausgeprägtes Wurzelsystem erklärt. Bei Kräutern verhält es sich umgekehrt: Das Wurzelwerk ist bescheiden, dafür setzen sie sehr viel Energie in Form von Exsudaten frei.

Meist wird behauptet, dass das Wurzelsystem von Pflanzen proportional zur entfernten oberirdischen Biomasse zurückgeht – dass also das Abweiden oder Abschneiden von 50% der Pflanze auch die Wurzeln um 50% reduziert. Dies stimmt so nicht. 50% Beseitigung der oberirdischen Biomasse führt zu keinem nennbaren Wurzelsterben. Ein Wurzelsterben beginnt erst ab einer Entfernung von über 50 % des sichtbaren Pflanzenbestandes. Bei einer einmaligen Entfernung von 50 bis 100% des oberen Pflanzenteils kommt es zu einem Wurzelsterben von bis zu 25%.

Zur Vermeidung von Überweidung ist die Ruhepause zwischen zwei Nutzungen deutlich wichtiger als die Beweidungshöhe.

Exsudatarme Gräser lieferten erst dann einen wesentlichen Beitrag zum Humusaufbau, wenn sie tief (bodennah) abgeweidet werden und dadurch relevante Mengen an abgestorbener Wurzelmasse im Boden abgeben.

Sie fand heraus, dass im Durchschnitt lediglich um die 8% des Kohlenstoffs aus oberirdischer Biomasse langfristig im Boden gespeichert wird. Der Rest, also um die 92%, wird zersetzt und gast aus – unabhängig davon, ob das Pflanzenmaterial auf der Bodenoberfläche liegen blieb oder in den Boden eingearbeitet wurde. Von der Wurzelbiomasse verbleiben im Idealfall bis zu 60% des Kohlenstoffs langfristig im Boden. Stirbt also bei bodennaher Beweidung etwa 25 % der Wurzelmasse ab, lässt sich unter Top-Bedingungen bis über die Hälfte davon in stabilen Dauerhumus umwandeln.

Nach Erzählungen eines Agrarwissenschaftlers wurden amerikanisch-einheimische Prärien untersucht. Diese wurden zwar nicht genau so bewirtschaftet wie vor ein paar hundert Jahren [bevor die Zestörung der Büffelherden begann] – und dennoch konnten in diesen einheimischen Prärien 1’600 Pflanzenarten identifiziert werden, von denen nur 60 Gräser waren. Das heisst, die überwiegende Mehrheit der einheimischen Arten waren Kräuter sowie einige Leguminosen.

 

Zuckerverteilung in Gräsern, Kräutern und Leguminosen Ende vegetativer Wachstumsphase/ Beginn der Blütezeit. Die Unterschiede sind frappant: Gräser speichern die Energie in ihren Wurzeln, während dessen Kräuter die Energie in Form von Ausscheidungen, welche die mikrobiellen Interaktionen stark fördern, investieren. Leguminosen liegen zwischen diesen beiden Extremen. Die in der Tabelle dargestellten Prozentwerte unterliegen Schwankungen, widerspiegeln jedoch die allgemeine Tendenz. Quelle: ACRES USA, mit Anpassungen

 

Die Konversionsraten sind in etwa gleich für alle funktionellen Pflanzengruppen und geben die allgemeine Richtung wieder, können aber je nach Umweltbedingungen und Pflanze unterschiedlich ausfallen. Um stabilen Bodenkohlenstoff aufzubauen, sind demnach vor allem Pflanzen von Nutzen, die Energie in Wurzeln und Wurzelausscheidungen investieren. Bei Wurzelausscheidungen sind Umwandlungswerte bis zu 91% erreichbar, wenn Bodensystem und Pflanze in einem biodiversen, pilzdominierten System aussergewöhnlich gesund und effizient funktionieren (dies dürfte bei Ökosystemen mit mehrjährigen Pflanzen besonders oft der Fall sein. Quelle: ACRES USA, mit eigenen Anpassungen).

 

https://www.regenerativ.ch/post/humusaufbau-durch-rotationsbeweidung
https://members.acresusa.com/the-take-half-leave-half-fallacy/

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